Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 7. Juni 2026
Liebe Mitchristen!
Wie können wir als Christen und Gemeinden heute unseren Glauben überzeugend leben und andere Menschen dafür gewinnen? Zu dieser Frage möchte ich etwas ausholen und mit Ihnen ans andere Ende der Welt blicken. Im Studium habe ich ein Auslandssemester in Neuseeland verbracht. Zu einer damaligen Mitstudierenden habe ich bis heute Kontakt- brieflich oder per Mail. Janet ist inzwischen im Ruhestand und lebt in Australien in der Nähe von Melbourn, wo ihre Enkel wohnen. Dort in ihrer Straße gibt es eine Baptistengemeinde, der sie sich jetzt angeschlossen hat, so schrieb sie mir neulich. Für mich war das unerwartet, denn ich kannte Janet als Presbyterianerin- hier in Deutschland würden wir sagen: Evangelische Landeskirche.
Was hat meine alte Bekannte auf der Südhalbkugel also bewogen, sich den Baptisten anzuschließen? Auch wenn Janet Theologie studiert hat wie ich, waren es offensichtlich keine dogmatischen Fragen. Es ging ihr nicht darum, ob es richtig ist, Kinder zu taufen oder ob die Taufe erst im Erwachsenenalter erfolgen sollte, wie bei Baptisten üblich. Was Janet dazu gebracht hat, sich dieser Gemeinde anzuschließen, beschreibt sie so: „Es ist eine bemerkenswerte Gemeinde. Groß ist sie nicht. Sie betreiben einen Kleiderladen, eine Anlaufstelle für Prostituierte, ein Wohnheim für obdachlose junge Frauen, die so von der Straße geholt werden. Sie haben Wohnungen, die sie an Menschen vermieten, die sich die marktüblichen Mietpreise nicht leisten können. Sie machen Beratung für Leute, die mit der Bürokratie nicht zurechtkommen. Viele ihrer Gemeindemitglieder setzen sich für soziale Gerechtigkeit ein- für die indigene Bevölkerung, für Asylsuchende oder die Befreiung Palästinas. Eingeladen gefühlt habe ich mich durch das Regenbogen-Poster für die Rechte Homosexueller und das Schild am Fenster, das jeden willkommen heißt- alle eingeschlossen.“ So beschreibt meine alte Bekannte Janet in Australien ihre neue Gemeinde. Ganz begeistert ist sie.
Ich denke daran, wie es bei den ersten Christen war, damals an Pfingsten. Da war auch Begeisterung da- durch die feurige Pfingstpredigt des Petrus, durch die am Pfingsttag 3.000 Menschen zum Glauben gekommen sind und die erste christliche Gemeinde gebildet haben. Und auch in der darauffolgenden Zeit sind täglich neue Menschen zur Gemeinde dazugekommen, erfahren wir in der Apostelgeschichte (Apg. 2, 47). Die Apostelgeschichte liefert dafür eine Erklärung: Es waren nicht nur die Predigten der Apostel, es war auch das soziale Engagement der ersten Gemeinde, das damals so viele Menschen vom christlichen Glauben überzeugt und zur Gemeinde geführt hat. Ganz ähnlich also, wie es heute meine alte Bekannte in Australien erlebt.
Die ersten Christen haben so miteinander gelebt, dass keiner Not leiden musste. Ja, es wurden sogar Grundstücke und Häuser verkauft, und das Geld den Armen gegeben. Josef Barnabas war einer von denen, der sein Grundstück verkauft und das Geld für die Armenfürsorge zur Verfügung gestellt hat (Apg. 4-36-37). Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der einmal gesagt hat: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Mit diesem Ausspruch hat Bonhoeffer die Diakonie mit auf den Weg gebracht. Innere Mission- so hat man die Diakonie anfangs genannt. Eine Missionierung im Inneren, im eigenen Land sollte es sein, dieses Sich-Kümmern um die Armen, die Kranken, die Bedürftigen in unserem Land. Ja, es ist gut, dass es die Diakonie gibt. Und für viele Menschen in unserem Land, die von der Diakonie Hilfe erfahren- in Beratungsstellen, Tafelläden, Krankenhäusern und vielem mehr- ist die Diakonie das Gesicht unserer Kirche.
Und doch bleibt ein ungutes Gefühl bei mir. Die Warteschlange vor dem Tafelladen in Trossingen wird immer länger. Die Lebensmittel, die dort zu vergünstigten Preisen ausgegeben werden, reichen bei weitem nicht mehr für alle. Oft gibt es Streit, und die Tafelladen-Mitarbeiter müssen schlichten. Und an der Autobahnraststätte steht einer vor dem großen Mülleimer und fischt dort in der Tiefe nach Pfandflaschen. In der Zeitung lese ich: Eigentlich wäre genug Geld da für eine gute Rente für alle. Aber das Geld konzentriert sich bei den Reichen, die immer reicher werden. Die 5.000 reichsten Menschen in Deutschland besitzen mehr als ein Viertel des Finanzvermögens in Deutschland, Tendenz steigend. In unserem Land werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Um im Alter würdig leben zu können, ist es inzwischen notwendig, eine private Rentenvorsorge aufzubauen. Für ärmere Menschen ist dies aber finanziell nicht möglich. Die Altersarmut steigt. Und wer ein Eigenheim hat und dies im Alter verkauft, damit dort eine junge Familie einziehen kann, wird in unserem Land finanziell dafür bestraft, wenn er pflegebedürftig wird.
Gut, dass es die Diakonie gibt, kann man bei alldem sagen. Aber das Wort von Bonhoeffer: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist“ meint nicht: Lass mal die Diakonie machen, die regelt das schon, die kümmert sich ja um die Bedürftigen. Nein, das Wort von Bonhoeffer meint uns alle- uns als christliche Gemeinde und uns als Christinnen und Christen in der Welt- jeder und jede einzelne von uns ist gemeint. Das bedeutet, die eigene Komfortzone zu verlassen und offen zu sein für die Not der anderen. Ja- das haben wir schon in vielen Predigten gehört, dass wir die Not der anderen sehen sollen. Aber Sehen allein genügt ja nicht, ich muss auch was tun gegen die Not der anderen. Einfach ist das sicherlich nicht. Aber einfach war das auch in der ersten Christengemeinde nicht. Auch wenn es in der Apostelgeschichte heißt: „Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele“ (Apg. 4, 32). Gleich im Anschluss an die Geschichte von Josef Barnabas, der sein Grundstück verkauft und das Geld für die Armenfürsorge zur Verfügung stellt erfahren wir, was für Probleme die Regelung, Äcker und Häuser zugunsten der Armen zu verkaufen, in der ersten Gemeinde gemacht hat. Da gab es ein Ehepaar namens Hananias und Saphira in der Gemeinde, die von dem Verkaufserlös ihres Grundstücks etwas für sich zurückbehalten hatten, und die Folgen waren fatal (Apg. 5, 1-11). Ja, Geben muss freiwillig bleiben. Wenn sich jemand dazu gezwungen fühlt und es nicht aus Überzeugung tut, dann wird es schwierig.
Und doch: Wenn die Flamme der Liebe Christi in uns weiterbrennen soll, dann kann uns unser armer Nächster nicht egal sein. Von unserem Verhältnis zu den Bedürftigen und unserem Einsatz für Gerechtigkeit hängt die Existenz unserer Gemeinden ab. Ich denke noch einmal an meine alte Bekannte Janet in Australien. Die konkrete Hilfe für Bedürftige und der Einsatz für soziale Gerechtigkeit hat sie dazu bewogen, sich der dortigen Baptistengemeinde anzuschließen. An diesem Maßstab werden wir als Kirche gemessen, nicht an dogmatischen Richtigkeiten. So wie Dietrich Bonhoeffer sagte: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.“
Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer


